Apocalypse Culture II

„Some of this stuff’s even hard for me to take,“ sagte Parfray selbst (STEPHEN LEMONS, Salon, 1990).

Apokalypse Culture ist ein prophetisches Buch, weil es den Hass und die Paranoia der (rechten) Öffentlichkeit im 21. Jahrhundert um Jahrzehnte vorwegnimmt. Apocalypse Culture ist sowohl 4chan & Incel-Post, wie Querdenker-Demo & Alt-Right-Troll in Druckform.

Perversionen

Eine „reuelose Nekrophile“ schändet Leichen in der Morgue. Ein Frauenhasser fantasiert vom Mord an einem 8-jährigen Kind. Ein anderer feiert ein Video von Linda Lovelace, die von ihrem Produzenten zum Sex mit einem Schäferhund gezwungen wird.

„A pervert knows a pervert best“, war Adam Parfrays Antwort auf die Frage nach seiner Motivation, denn die Gesellschaft sei mindestens so pervers wie seine Autoren.

Die dunkle Seite der Macht

Leitfiguren der Autoren sind Charles Manson, Aleister Crowley oder Heinrich Himmler. Religiöse Faschisten, Rassisten und stumpfe Waffenfetischisten promoten Eugenik, Rassismus und Sozialdarwinismus. 

Dann wünschen sich Paläö-Anarchisten, De-Industrialisierer, radikale Klima- und Tierschützer die Ausrottung der Menschheit.

Die Briefe an die Redaktion sind Vorläufer von Shitstorms, Stalking oder Cybermobbing.

In Apokalypse Culture kommen – im psychopathologischen Sinn -völlig Irre zu Wort, wenn etwa radikaler Islamismus und völkischer Faschismus promotet wird. Hier sind erstens die Online Strategien der Alt-Right klar vorgezeichnet, zweitens alle modernen Verschwörungstheorien aufgelistet.

Verschwörung und Wahrheit

Die Welt ist hier von Illuminaten und kinderschändende Satanisten kontrolliert, gleichzeitig stecken hinter allem Übel Israel und die CIA. Wenn völlig irre Texte neben journalistisch stichhaltigen stehen, werten sie sich wechselseitig auf- bzw. ab.

Sie verkaufen das Manhattan Projekt als Operation mittelalterlicher Alchemisten. Gleichzeitig belegt Gregory Krupey den Einfluss rechtsradikaler Evangelikaler auf die Nuklearpolitik der USA. Sie wollten das nukleare Armageddon herbeiführen, das nur evangelikale Christen und konvertierte Juden in der heiligen Stadt Jerusalem überleben würden. Als Donald Trump 2018 die amerikanischen Botschaft von Tel Aviv nach Jerusalem verlegte, setzte er deren Forderungen um.

Ein „Höhepunkt“des Buches ist der Text des Church of the Satan Gründers Anton LaVey. Seine Phantasien zu Wettermanipulationen, Chemtrails, elektromagnetischen Strahlungen, inszenierten Seuchen scheinen auf den ersten Blick völlig verblödet. Dann realisiert man, dass die gesamte Paranoia des (rechten) Mainstreams der letzten Jahre vorweggenommen wird.

Dass also heute große Teile der Öffentlichkeit die schmutzigen Phantasien abgefuckter Satanisten der 1990er-Jahre reproduziert, ist so amüsant, wie unheimlich.