Sexkult und Raketenforschung: Das seltsame Leben Jack Parsons

Sprengstoffversuche in Pasadena

1980 wurde John Lennon vor dem Dakota Building am Central Park West erschossen. In jenem düsteren Haus drehte Roman Polanski 1968 den Okkult-Horror-Film Rosemary’s Baby, nach der Romanvorlage Moonchild des „Satanisten“ Aleister Crowley, den John Lennon 1967 auf dem Cover von Sgt. Pepper’s Lonely Hearts Club Band verewigte. Die Mörder von Polanskis Frau Sharon Tate schmierten mit dem Blut ihres Opfers Helter Skelter an die Wand, der Titel eines John Lennon-Songs. Aleister Crowley beschrieb in Moonchild ein schwarzmagisches Ritual, das Babalon Working,  das ein neues Zeitalter heraufbeschwören sollte. 1946 führten der Scientology-Gründer L. Ron Hubbard und der Raketenforscher Jack Parsons dieses Ritual in Kalifornien durch.

Jack Parsons war schon als Kind Mitglied der ‚Los Angeles Fantasy und Science-Fiction Gesellschaft. Hier schrieben Lovecraft, Heinlein, Philip K. Dicks oder L. Ron Hubbard. Inspiriert von den abenteuerlichen Pulp-Magazinen begann Parsons im Garten seiner Mutter mit ersten Raketenversuchen. Als 20jähriger entwickelte er am California Institute of Technology Caltech hochpotente Sprengstoffe und Sprengkörper für Uncle Sam.  Ohne Jack Parsons hätte es keine raketenunterstützten Flugzeugstarts und keine Mondlandung gegeben. Ohne seine festen Raketentreibstoffe wäre die militärische Dominanz der USA im 20. Jahrhundert eine andere gewesen. 1943 bestellte die US Army 2,000 Raketen bei Parsons Firma. Selbst für Wernher von Braun war Parsons der eigentliche Vater der amerikanischen Raumfahrt.

Doch Jack Parsons gab sich damit nicht zufrieden. Er wollte in metaphysische Welten vordringen und mit Hilfe von Magie die Menschheit auf ein höheres Niveau heben. Dabei folgte er dem Left-Hand-Path des „bösesten Mensch(en) der Welt“ Aleister Crowley.  Parsons war  Wissenschaftler, Schwarzmagier und Führer eines Sexkultes. Ehe er sich im Sommer 1952 in seiner Garage selbst in die Luft sprengte, absolvierte er vor jedem Raketenstart ein Ritual für den Gott Pan, eine Serie von Ritualen sollte ein neues Zeitalter heraufbeschwören. Im Januar 1946 begannen Parsons und der spätere Scientology-Gründer Ron L. Hubbard eine Serie von sexualmagischen Ritualen, die sich über mehrere Monate hinziehen sollte. Ziel dieses Abalon-Rituals – das Aleister Crowley in Moonchild (1917) beschrieben hatte – war es, einen Riss im Raum-Zeit-Kontinuum zu erzeugen, um die als böse, geil und verrucht verschriene Entität BABALON zu beschwören: die scharlachrote Frau aus der Offenbarung des Johannes. Mit der sich in einer gewöhnlichen Frau manifestierenden große Hure würde Parsons das Mondkind zeugen und ihr übernatürlicher Nachwuchs würde die absolute Macht ergreifen und die Apokalypse der alten Welt herbeiführen: Das kommende Zeitalter des Horus würde ein Äon dionysischer Freiheit sein: Liebe wäre, wie es Crowley vorhergesagt hatte, das einzige Gesetz.

L. Ron Hubbard, der „Seher“, channelte Parsons die Details des Rituals in der Mojave Wüste. Parsons schrieb sie als 77 Verse seines Liber 49 nieder: Verkürzt gesagt, musste man Gefäße mit Blut ausschmieren, Pentagramme auf Bettlaken malen und komplizierte Beschwörungen henochscher Magie fehlerfrei – wie es bei Parsons heißt – „vibrieren“:  ORO IBAH AOZPI. Wer auch nur einen Buchstaben des henochschen Alphabets falsch intonierte, beschwor unkontrollierbare Dämonen herauf. Die Anweisungen empfehlen möglichst abseitige Masturbations- und Kopulationspraktiken. Bei Crowley hieß das: „…the root idea is that any form of procreation other than normal is likely to produce results of a magical character“. Parsons verklausulierte das als „mit dem Zauberstab den Energie-Strudel aufpeitschen“. Parsons masturbierte und kopulierte wochenlang „rituell“ mit diversen Drop-Outs, gescheiterte Schauspielerinnen  und Beatniks, die er seit jeher auf seinem Anwesen beherbergt hatte. Währenddessen scannte Hubbard die Astralebene nach Zeichen und Visionen. Aus eher atmosphärischen Beweggründen  spielten sie dazu Prokofiews Violin Concert No. 2. Ein stets mitlaufendes Tonbandgerät sollte sich akustisch manifestierende Erscheinungen aufnehmen: „Jan 11: Invoked twice, using blood. A heavy windstorm. Jan 13: At 12 PM nine strong, rapid knocks. A table lamp at the opposite corner of the room was thrown violently to the floor and broken. There was no window in this corner, and no wind was blowing at the time.“  Poltergeist-Phänomene wie flackernde Lichter, Ausfall der Elektrizität, aus Regalen fallende Bücher etc sind in magischen Kreisen Zeichen dafür, dass etwas schief läuft. Crowley und Hubbard zogen sich zur Meditation in die Wüste zurück, wo Parsons eine Erleuchtung hatte und bei ihrer Rückkehr wartete tatsächlich eine Frau auf ihn. Parsons beschrieb Marjorie Cameron als „feurig und subtil, entschlossen und hartnäckig, ernsthaft und pervers, mit einer außerordentlichen Persönlichkeit, Talent und Intelligenz.“ Sie war eine hochgewachsene, schöne Frau mit roten Haaren und grünen Augen, hatte für das Militär gearbeitet und gehörte zur kalifornischen Beatnik-Szene. Für Parsons war sie die Inkarnation Babalons, die „Mother of Harlot and Abominations of the Earth…drunken with the blood of saints, and with the blood of the martyrs of Jesus“. Und sie war begierig, mit Parsons das Moonchild-Ritual zu absolvieren: „Let me receive all thy manhood within my Cup, climax upon climax, joy upon joy.“ Parsons (Liber 49/ Verse  55). Sie unterwarf sich einem rigiden Rhythmus täglicher Ritualübungen, um ihren Körper auf die Empfängnis des übernatürlichen Wesens vorzubereiten.  Dann kopulierten Parsons, der „James Dean der Chemie“ und Cameron „die Scharlachrote Frau“ 11 Tage á zwei „Anrufungen“ täglich. Zu den Klängen von Rachmaninovs Isle of the dead deklamierte Hubbard dazu magische Verse.

Parsons Meister Aleister Crowley bezeichnete das ganze Unternehmen als „Idiotie“. Cameron wurde nicht schwanger und L. Ron Hubbard brannte mit Sara Northrup, Parsons langjähriger Lebensgefährtin, durch. Die beiden setzten ein gemeinsam geplantes Geschäft in den Sand, in das Parsons den Großteil seines Vermögens gesteckt hatte. Dann gründeten sie Scientology. Später behauptete Scientology, Hubbard hätte im Auftrag des FBI seine zukünftige Frau aus den Händen von Satanisten befreit. Parsons und Cameron, finanziell ruiniert, zogen aus der Villa in weit bescheidenere Umstände an der Orange Grove Avenue. Das FBI beschuldigte Parsons der Spionage, so dass er 1950 seine Sicherheitsfreigabe verlor. Seine letzten Tage verbrachte er damit, für die Special Effects Corp. in Hollywood kleinere Explosivstoffe  herzustellen. Am 17. Juni. 1952 sprengte sich Parsons selbst in die Luft. Laut Polizeibericht hatte er eine Phiole mit Quecksilber-Fulminat fallengelassen: „Amid the debris were strewn-about pages covered in symbols such as pentagrams and text written in unfamiliar languages. On the floor was the body of a man, in a pool of bloody, whose face was half-ripped off and body shattered.“ 

Marjorie Cameron glaubte wie viele andere nicht an einen Unfall. Für sie musste Parsons wahlweise wegen  Industriespionage bei Howard Hughes oder wegen angeblicher Informantentätigkeit für den israelischen Geheimdienst sterben. Andere behaupteten, Dämonen hätten ihn zerrissen, als er versuchte, einen Homunkulus zu erzeugen.

Marjorie Cameron gründete nach diversen Nervenzusammenbrüchen eine eigene gemischtrassige Sex-Magick-Kommune (was zur Zeit der Rassentrennung illegal war), mit dem erklärten Ziel, diverse „moonchildren“ zu zeugen und so dem Äon des Horus zum Durchbruch zu verhelfen. In den 1960er-Jahren wurde sie zu einer Ikone der alternativen Kunstszene Amerikas. Als Muse des Filmemachers Kenneth Anger brachte sie ihn zum Okkultismus, er revolutionierte das Filmemachen und beeinflusste Regisseure wie Martin Scorsese und David Lynch. Mit Scorpio Rising definierte Anger lange vor MTV die Ästhetik des Musikvideos. Cameron selbst reüssierte als innovative Zeichnerin und Illustratorin. Parsons magischer Gehilfe, „der Seher“, Ron Hubbard schuf mit Scientology eines der finanziell erfolgreichsten und kulturell einflussreichsten Mindfuck-Unternehmen des 20. Jahrhunderts.

Die 1960er-Jahre brachten das „Age of Aquarius“, das viele  Ähnlichkeiten mit dem Äon des Horus aufwies: Drogen und sexuelle Entgrenzung, eine Renaissance von Hexenglauben und Voodoo, Magie und Yoga. In gewissem Sinne hatte Parsons mit seiner Magie Erfolg.  Lange Zeit hatte die Öffentlichkeit – bis auf wenige Okkultisten, obskure Websites und diverse Pulp-Magazine – Jack Parsons vergessen, andere verzerrten sein Leben ins Bizarre: Diverse Ufologen behaupten, dass Parsons nicht die Hure Babalon inkarniert hätte, sondern „die Grauen“ aus Area 51. 2018 veröffentlichten The Claypool Lennon Delirium Blood And Rockets: Movement I, Saga Of Jack Parsons. Mit Jean Lennon, dem Sohn John Lennons als Sänger und Gitarrist, schließt sich ein Kreis der keiner ist. Und zumindest die NASA hat Parsons auch nicht gänzlich vergessen. Sie benannte einen Mondkrater nach ihm: natürlich auf der dunklen Seite.

https://dangerousminds.net/comments/kenneth_anger_and_marjorie_cameron_discuss_scientology_founder_l._ron_hubba

3 Gedanken zu „Sexkult und Raketenforschung: Das seltsame Leben Jack Parsons“

  1. Nicht zu vergessen: Mit „Strange Angel“ erschien 2018-2019 die Geschichte Parsons bei CBS als recht ambitionierte Serie … und wurde nach drei Staffeln eingestellt.

    1. Ja, du hast Recht: George Pendle hat das Buch „Strange Angel“ und die gleichnamige (leider Recht wenig beachtetete) CBS-Serie Serie geschrieben!
      Es gibt auch „Raumfahrt, Sex und Rituale“ (John Carter), das sich völlig in „magischer“ Theorie verliert und so schlecht geschrieben ist, das es – zumindest in der deutschen Übersetzung – nicht lesbar ist.

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