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Apocalypse Culture

    Apokalypse Culture  Adam Parfray, Feral House,U.S.; 2. Edition (18. April 1991).

    Apocalypse Culture (AC), „The book that launched a thousand zines” (Scott Timbre), ist ein grotesker Abstieg in die Alpträume der neoliberalen Konsumentenkultur.

    Trigger-Warnung: Beschreibungen gewalttätiger Sexualität, traumatischer Erfahrungen etc!

    Apokalypse Culture (AC), „The book that launched a thousand zines” (Scott Timbre), ist ein grotesker Abstieg in die Alpträume der neoliberalen Konsumentenkultur. Diverse Subkulturen der 1980er-Jahre erzählen hier mit spezifischem Hass, Menschenverachtung und sexuell eingefärbtem Nihilismus vom Leidensdruck und den unerfüllten Sehnsüchten im Hochkapitalismus: Mind-Control, Überbevölkerung und Eugenik, genozidaler Rassismus, Misogynie und Pädophilie, abseitigste Pornographie und bizarre Verschwörungstheorien etc.

    „Some of this stuff’s even hard for me to take,“ sagte Parfray selbst (STEPHEN LEMONS, Salon, 1990).

    Apokalypse Culture, zusammenhanglos editiert und voller Rechtschreibfehler, ist kein gutes Buch, aber ein prophetisches. Es nimmt all die hasserfüllten  und paranoiden Fantasien, die heute die (rechte) Öffentlichkeit prägen, um Jahrzehnte vorweg. Die Texte rechnen auch schon mit der geringen Aufmerksamkeitsspanne und dem zusammenhanglosen Denken, dass jene Generationen prägen wird, die in digitalen Welten aufwachsen. Prophetisch ist AC auch in seiner Methodik: wüste Spekulationen werden als Fragen getarnt und dann in „Fakten“ verwandelt, Hate Speech wird als Free Speech legitimiert. Kurz – Apocalypse Culture ist 4chan,  Incel-Post, reddits The Red Pill, Pegida-Kommentarspalte, Querdenker-Demo, Alt-Right-Troll-Forum etc in Druckform.

    Perversionen

    Den ersten Teil des Buches prägen Texte sexueller Obsessionen. Eine verurteilte, aber „reuelose Nekrophile“, schändet Leichen in der Morgue. Der pädophile Frauenhasser „Frank“ fantasiert vom Mord an einem 8-jährigen Kinderstar. Ein anderer feiert ein bizarres (heute mit zwei Mausklicks erreichbares) Video von Linda Lovelace: Der erste Star des Mainstream-Pornos wird hier von ihrem „Produzenten“ zum Sex mit einem Schäferhund gezwungen.

    Analytischere Essays behandeln Perversionen, die sich die Öffentlichkeit selbst nicht eingesteht: Eine Analyse von Frühstücksflocken-Verpackungen zeigt, wie die Gesellschaft Kinder und Jugendliche in Werbung, Mode und Popkultur (sexuell) hemmungslos ausbeutet. Gleichzeitig ist sie von Angst-Lust und Rachephantasien an Kinderschändern besessen. Bis heute hat sich dieser Mechanismus nicht geändert:

    „A pervert knows a pervert best“, war Adam Parfrays Antwort auf die Frage nach seiner Motivation. Die Gesellschaft sei mindestens so pervers wie seine Autoren.

    Einer der besten Texte ist Tim O’Neills fundierte Analyse der in den 90ern populär werdenden Spielarten der Körpermodifikationen. O’Neill spürt zunächst deren tribalistischen und schamanistischen Traditionen nach. Überzeugend deutet er dann Phänomene wie Tattoos und Piercings, Mager- und Fresssucht, Selbstverstümmelung und Schönheits-Operationen einerseits als spirituelles Bedürfnis, anderseits als Variation des Amelotatismus, also der erotischen Fixierung auf amputierte Körperteile.  

    Trotz vereinzelt hellsichtiger Analysen, ist Apokalypse Culture natürlich auf vielen Ebenen selbst problematisch: Zoo-, Pädo- und Nekrophile werden quasi gleichrangig neben Anhänger von Körpermodifikationen oder konsensueller Sado-Maso-Praktiken platziert.

    Die dunkle Seite der Macht

    AC steht also mindestens mit einem Bein auf der „dunklen Seite der Macht“. Leitfiguren vieler Texte sind Charles Manson, Aleister Crowley oder der Eso-Faschist Heinrich Himmler. Politische und religiöse Gruppen wie die Church of the Final Judgement, die Black Muslims oder die Roten Brigaden entlarven sich als religiöse Faschisten, Rassisten und stumpfe Waffenfetischisten. Parfrays Kompilation prominenter Aussagen von Plato bis Aldous Huxley zu Eugenik, Rassismus und rücksichtslosem Sozialdarwinismus ist dagegen schlichtweg perfide. 

    Andererseits finden Paläö-Anarchisten, De-Industrialisierer, radikale Klima- und Tierschützer überzeugende argumentative Munition in John Zerzans Text. Jener macht die Umstellung auf Landwirtschaft im Neolithikum für die Entstehung von hierarchischen Ausbeutung- und Unterdrückungsverhältnissen verantwortlich . 

    Eben dieser Eklektizismus von Wahnsinn, Abwegigem und Überzeugenden nimmt die Funktionsweisen des kollektiven und virtuellen (Un)bewussten im frühen 21. Jahrhunderts vorweg. Parfrays Buch zeigt Bedürfnisse nach (Selbst)Schändung und (Selbst)Degradierung, nach Tabubruch, Entgrenzung und Provokation um der Provokation willen, von der die heutige Öffentlichkeit besessen ist. Die abgedruckten Briefe an die Redaktion sind frühe Zeugnisse von Shitstorms oder Cybermobbing, die verrohten Phantasien zeichnen den Tabubruch als Methode von Trump, AfD und Konsorten vor.

    Hier wird der (Selbst)-Hass und Weltekel im neoliberalen Sozialdarwinismus kartographiert. Die vulgären und faschistischen Neurosen und Psychosen des radikalen Islamismus oder der völkischen Neuen Rechten sind hier klar vorgezeichnet. Dass in Apokalypse Culture im psychopathologischen Sinn völlig Irre zu Wort kommen ist Menetekel. 

    Verschwörung und Wahrheit

    Passenderweise widmet sich der 3. Teil des Buches diversen Verschwörungsnarrativen. Alle Urformen heute allgegenwärtiger Wahngebilde sind hier vertreten: Illuminaten und kinderfressende Satanisten, Israel und die CIA, die hinter allem Übel stecken. Parfreys Editorial nimmt auch die Methoden heutiger Verschwörungserzähler vorweg, wenn er journalistisch stichhaltige und gut recherchierte Argumentationen neben totale Wahngebilde stellt.

    Einer beschreibt das Manhattan Projekt als Operation antiker Alchemisten. Gregory Krupey untersucht den Einfluss rechtsradikaler Evangelikale auf die Nuklearpolitik Reagans in den USA der 80er-Jahre Einfluss. Die religiösen Fanatiker waren davon überzeugt, dass ein nukleares Armageddon nicht nur kurz bevorstehe, sondern begünstigt werden sollte. Plötzlich unterstützten die Evangelikalen ihren „natürlichen“ Feind Israel. Denn nur evangelikale Christen und konvertierte Juden würden in der heiligen Stadt Jerusalem errettet werden. Deshalb drängten sie auf die Verlegung der amerikanischen Botschaft von Tel Aviv nach Jerusalem. Diese Forderung setzt 2018 der Republikaner Donald Trump um: Auch Trumps Präsidentschaft – der damals noch ein New Yorker Immobilien-Tycoon war – wird in einer bizarren Anzeige in AC gefordert.

    Der traurige „Höhepunkt“des Buches ist dann die abwegige Spekulation des völlig verblödeten Ayn Rand-Anhängers, Turbokapitalisten und Karneval-Satanisten Anton LaVey. Dessen Phantasien über Wettermanipulationen, Chemtrails, elektromagnetische Strahlungen und inszenierte Seuchen sind eine detailgenaue Blaupause des paranoiden (rechten) Mainstreams der letzten Jahre.

    So führt Apocalypse Culture die abgedrehten Narrative einer moralisch entfesselten (Gegen)-Öffentlichkeit im 21. Jahrhundert vor. Eine ideologisierte Bubble, die ihre eigenen irren Traditionen nicht kennt. Dass also heute größere Teile der bürgerlichen Gesellschaft die schmutzigen Phantasien abgefuckter Satanisten der 1990er-Jahre reproduzieren ist so amüsant, wie unheimlich.

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